Präzision beginnt vor dem Schockraum

Was wir messen können, bestimmt maßgeblich, wie gut wir therapieren. Genau dieser Gedanke zieht sich durch Episode 30 des RESPonse Notfallmedizin Podcasts – und durch eine Diskussion, die in der prähospitalen Notfallmedizin zunehmend an Bedeutung gewinnt: der Einsatz von Arterial Lines und invasivem Blutdruckmonitoring bereits vor dem Schockraum.

Gemeinsam mit Oberarzt Priv.-Doz. Dr. Thomas Hamp, Anästhesist und Intensivmediziner aus dem Team unserer Oberärzt*innen, wird deutlich, dass es bei der arteriellen Blutdruckmessung nicht um Technik um der Technik willen geht. Es geht um Physiologie, um präzises Blutdruckmanagement und um die Frage, wie viel moderne Intensivmedizin heute sinnvoll bereits präklinisch beginnen kann.

Nicht-invasiv misst – invasiv entscheidet

Die nicht-invasive Blutdruckmessung ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil des Monitorings im Rettungsdienst. Doch gerade bei kritisch kranken Patientinnen und Patienten stößt sie an klare Grenzen. In extremen Blutdruckbereichen – also bei ausgeprägter Hypotonie oder Hypertonie – liefert sie häufig unzuverlässige oder geglättete Werte. Genau dort aber sind präzise Informationen entscheidend.

Die arterielle Blutdruckmessung bildet die reale Druckkurve beat-to-beat ab. Sie erlaubt eine exakte Einschätzung des mittleren arteriellen Drucks und damit eine gezielte Steuerung von Katecholaminen, Volumen und Beatmung. Monitoring wird so zu einem aktiven therapeutischen Instrument.

Zeitverlust? Oder Denkfehler im Workflow?

Eines der häufigsten Gegenargumente gegen prähospitale Arterial Lines lautet: „Das kostet zu viel Zeit.“ Die Episode zeigt, dass diese Annahme häufig ein Workflow-Problem ist – kein grundsätzliches Zeitproblem.

Wird die Anlage sinnvoll in den Einsatzablauf integriert und parallel zu anderen Maßnahmen durchgeführt, entsteht oft kein relevanter Delay. Im Gegenteil: Therapie beginnt früher, Entscheidungen werden fundierter getroffen und die Übergabe im Schockraum wird nahtloser. Besonders eindrücklich ist der Gedanke, dass Gefäße präklinisch häufig leichter zugänglich sind als nach 20 Minuten Transport bei fortschreitendem Schock.

Klare Indikationen statt Automatismus

Arterial Lines sind kein Standard für alle Patient*innen – und sollen es auch nicht sein. Die Episode plädiert klar für eine indikationsbasierte Anwendung. Besonders profitieren können unter anderem

·       Personen mit Schädel-Hirn-Trauma und anderen intrakraniellen Notfällen

·       Schockzustände, bei denen exaktes Blutdruckmanagement prognoserelevant ist

·       Narkoseeinleitungen im prähospitalen Setting

·       das Post-ROSC-Management, insbesondere zur Vermeidung von Re-Arrests

In diesen Situationen ist präzises Monitoring kein Luxus, sondern Teil der Therapie.

Ultraschall, Training und Teamarbeit

Ein wiederkehrendes Thema ist die Rolle des Ultraschalls. Ultraschallgestützte Gefäßzugänge senken die Hürde zur Arterienanlage erheblich – sowohl radial als auch femoral. Entscheidend ist dabei weniger das Material als vielmehr Ausbildung, Routine und ein gemeinsames Team-Mindset.

Die zentrale Botschaft: Training schlägt Technik. Mit klaren Abbruchkriterien, realistischen Erwartungen und Einbindung des Teams wird aus einer vermeintlich komplexen Maßnahme ein kontrollierbares Werkzeug.

Kontinuität an der Schnittstelle

Wird invasives Monitoring bereits präklinisch etabliert, profitiert auch die innerklinische Versorgung. Basismaßnahmen müssen im Schockraum nicht erneut etabliert werden, Therapie kann ohne Unterbrechung fortgeführt werden. Gerade bei instabilen Patient:innen reduziert das Brüche an der Übergabe – ein oft unterschätzter Qualitätsfaktor.

Fazit

Die Diskussion um prähospitale Arterial Lines ist letztlich eine Diskussion über Haltung. Nicht über Aktionismus, sondern über Physiologie, Präzision und Verantwortung. Die Episode stellt eine zentrale Frage in den Raum: Wie viel präzise Medizin wollen – und können – wir heute schon präklinisch anbieten?

Die Antwort fällt differenziert aus, aber klar: Dort, wo exaktes Monitoring Therapie verbessert, beginnt moderne Intensivmedizin nicht erst im Schockraum – sondern bereits am Einsatzort.

Diskussion erwünscht:

Welche Erfahrungen hast du mit prähospitalen Arterial Lines gemacht? Wo siehst du Chancen, wo Grenzen?

Feedback gerne per Mail an response.podcast@ma70.wien.gv.at.

Episode 30 anhören:

RESPonse Notfallmedizin Podcast

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